Was ist Seelsorge?
Ich werde oft gefragt, was "Seelsorge" denn eigentlich sei. - "Die Seele", das ist ein schwer abgrenzbarer, schwer "zu definierender" Teil unseres Daseins. Die Seele lässt sich eher beschreiben als definieren. Sie hat zu tun mit Leben, Atem, mit Psyche, Selbst und Person, mit unserem Herz natürlich und der Mitte unseres Daseins. - Sorgen, Sich-Kümmern um die Seele, das ist dann ein Hören-auf, Wahrnehmen, Begleiten dieser Bereiche unseres Menschseins.
In der Seelsorge geht es also zuerst um das Zuhören und das Da-Sein. – Zeit soll sein zum gemeinsamen Nachdenken, zur Stille vielleicht, zum Aussprechen von schwierigen Fragen und Zweifeln. – Das kann ein Gespräch sein, das kann ein ruhiges, stilles Sitzen am Bett sein, das kann ein Vorlesen eines Textes oder Singen eines Liedes für einen Kranken oder Leidenden sein. Das kann heißen gemeinsam zu lachen, zu weinen, zu zweifeln, zu suchen oder zu hoffen. - So kann Begegnung zwischen Menschen stattfinden.
In Seelsorgegesprächen geht es nachdenklich oder lustig, traurig oder dankbar zu: oft kann ein gemeinsames Lachen befreien und für kurze Zeit die Sorgen, Nöte und Schmerzen vergessen machen. Oder Menschen erzählen von Erlebnissen und Erfahrungen in ihrem Leben, die sie glücklich gemacht haben.
Die alten Menschen, denen ich in den Seniorenheimen Hermann-Radtke-Haus, Haus Simeon und Erich-Raddatz-Haus begegne, suchen, so will es mir scheinen, vor allem eines: nach einem menschlichen Gegenüber. Sie alle haben ein langes Leben gelebt: mit Höhen und Tiefen, mit Freuden und Enttäuschungen. – Das nahende Lebensende, die neue Lebenssituation im Heim, bringt nun all die wichtigen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Familie, den Freunden, nach dem, was bleibt in ihrem Leben wieder mit neuer Dringlichkeit hervor. Die Zeit unserer Senioren ist angefüllt mit Erinnerungen, die reich und voller Leben, aber auch traurig oder voller Bitterkeit sein können. – Da kann ein Gespräch helfen, da kann ein Lied helfen, Musik überhaupt. Die alten Texte und Lieder sind selbst bei Bewohnern mit ausgeprägter Demenz noch da – und helfen – wenn auch nur für einen Augenblick, aus dem eigenen, so fremden und beängstigenden Dunkel aufzutauchen, sich festzuhalten an Alt-Bekanntem.
"Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar", so hat es Antoine de Saint-Exupery in seinem „Kleinen Prinzen“ formuliert. – Und darum geht es in der Seelsorge auch: Sehen und Fühlen mit dem Herzen, und Erspüren, was für den Anderen wichtig ist.
Als Christen sollen wir kranke und alte Menschen besuchen, weil auch Christus für Kranke und Schwache da war (vgl. die Geschichte vom barmherzigen Samariter, Lukas 10 und das Gleichnis vom Weltgericht, Matthäus 25). - Ob unsere Sorge, unser Besuch wirklich zum Segen wird, erfahren wir oft erst später oder auch gar nicht. Dennoch dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott trösten, helfen und einen neuen Weg weisen hilft.
Eine alte Dame sprach kürzlich aus, was, so scheint es mir, viele alte Menschen bedrückt und traurig macht: „Wissen Sie“, so sagte sie, „besonders schwer ist diese Untätigkeit. Früher, da habe ich nie Langeweile gehabt: ich habe gelesen, bin in Ausstellungen gegangen, war draußen in der Natur. Das ist nun vorbei.“ – Was haben wir Jüngeren da „anzubieten“, zu geben?, so frage ich mich.
Ein Ohr wohl vor allem - zum Zuhören, und ein Herz - zum Mitfühlen, und einen Kopf - zum Suchen nach Ideen, wie ein menschliches Miteinander, ein Helfen hier aussehen könnte.
Es grüßt Sie Ihre Seelsorgerin und Pfarrerin
Kerstin Jage-Bowler